Drogenbezogene Todesfälle

Dieser Indikator umfasst die Anzahl der Todesfälle in Folge von illegalem Drogenkonsum als Mortalitätsraten bei Drogenabhängigen. Der Indikator soll einerseits die massivste Folge des Drogenkonsums erfassen, andererseits aber auch als indirekter Indikator, Veränderungen und Trends im Drogenkonsum überhaupt widerspiegeln.
Zwei Datenquellen stehen insbesondere im Zusammenhang mit diesem Indikator:

  • Bevölkerungsstatistiken über Drogenbezogene Todesfälle
  • Mortalität unter Drogenkonsumenten


Daten aus der Bevölkerungsstatistik zu Todesfällen 

Die meisten nationalen Statistiken beziehen akute Todesfälle aufgrund von Überdosierungen ein, indirekte Todesfälle - etwa durch AIDS in Folge von intravenösem Drogenkonsum - werden teilweise auch mit einbezogen. Datenbasis sind einerseits die allgemeinen Todesfallregister, die sich des Internationalen Klassifikationssystems der WHO (ICD) bedienen. Daneben werden auch Daten aus dem polizeilichen und forensischen Bereich genutzt. Ein zentraler Aspekt, der die Vergleichbarkeit der Daten mindern kann, ist wie weit oder wie eng der Begriff der "Drogenbezogene Todesfälle" definiert wird.

Mortalität unter Drogenkonsumenten

Das Risiko innerhalb einer definierten Gruppe von Drogenkonsumenten, in einem bestimmten Zeitraum zu sterben, ist eine zweite Zielgröße im Umfeld dieses Indikators. Insbesondere ist die Betrachtung unterschiedlicher Kohorten (Geburtsjahrgänge oder Gruppen von Neueinsteigern in den Drogenkonsum) von Interesse, um Veränderungen des Sterberisikos zu erfassen. Drogenabhängige sterben deutlich häufiger auch durch Verkehrsunfälle, Suizide oder AIDS als eine Vergleichsgruppe gleichen Alters. Nur ein Ausschnitt aus der Gruppe der verstorbenen Drogenkonsumenten ist als Konsument bekannt, so dass mit einem erheblichen Dunkelfeld zu rechnen ist, welches die Ergebnisse stark beeinflussen kann. Ein zentraler Aspekt dieser Daten ist die Frage nach dem Risikoverhalten hinter der erhöhten Sterblichkeit und damit natürlich nach Möglichkeiten der Intervention.

In Deutschland werden die Daten aus der „Falldatei Rauschgift (FDR)“ des Bundeskriminalamtes (BKA) und dem „Allgemeinen Sterberegister“ des Statistischen Bundesamtes (Destatis) erfasst. Die Verlässlichkeit der Angaben zu drogenbezogenen Todesfällen hängt allerdings stark davon ab, ob Obduktionen und toxikologische Gutachten zur Validierung der ersten Einschätzung von Drogentod herangezogen wurden und wie die Todesursache kodiert wurde.

Behandlungsnachfrage

Der Indikator Behandlungsnachfrage (treatment demand) erfasst Information über die Zahl und Charakteristika von Personen, die an Drogenbehandlungseinrichtungen überwiesen werden. Diese Informationen geben Aufschluss über allgemeine Tendenzen des problematischen Drogenkonsums. Informationen über Umfang und Art des Konsums sowie Gebrauchsmuster (Injektion, multipler Drogengebrauch) können helfen, den Hilfebedarf abzuschätzen und dementsprechend Angebote für die Konsumenten zu entwickeln und zu evaluieren.

Die EMCDDA hat eine Reihe von Projekten gefördert, die die Entwicklung eines vergleichbaren Systems zur Erfassung der Behandlungsnachfrage zum Gegenstand hat. Grundlage war dabei das Protokoll der Pompidou Gruppe des Europarats (first treatment demand indicator) sowie eine vergleichende Analyse vorhandener nationaler Systeme.

Das so genannte Treatment Demand Indicator (TDI) Protokoll beschreibt ein Routinesystem zur Erfassung von 20 Standarditems für Klienten, die eine Behandlung aufnehmen. Es umfasst eine einfache Klassifikation von Behandlungseinrichtungen, definiert die zu erfassenden Fälle und enthält Richtlinien zur Methodik von Datensammlung, -analyse und Berichterstattung. Zur Vermeidung von Doppelerfassungen und -zählungen werden Methoden dargestellt, die auch bei Wahrung der Anonymität eingesetzt werden können. Die aktuelle Fassung (Version 2.0) des Protokolls steht zum download zur Verfügung. Das Protokoll kann auch in der englischen Fassung von der EMCDDA heruntergeladen werden.

In Deutschland wurde 2007 gemeinsam von der DBDD, den Fachreferaten der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege sowie dem Fachverband Sucht (FVS), der GKV, der RV in Deutschland und den Bundesländern der neue deutsche Kerndatensatz (KDS) zur Dokumentation in der Suchtkrankenhilfe eingeführt. Der „Treatment Demand Indicator“ der EMCDDA (TDI) ist im KDS integriert.

Infektionskrankheiten

Infektionskrankheiten sind unter Drogenabhängigen und -konsumenten relativ weit verbreitet. HIV und Hepatits B/C sind dabei an erster Stelle zu nennen. Die bisher bekannten Risikofaktoren beziehen sich in erster Linie auf die Gruppe der i.v. Drogenkonsumierenden. Der Indikator Infektionskrankheiten versucht, Ausmaß, Merkmale und Trends in diesem Umfeld zu ermitteln, um den Bedarf aber auch das Ergebnis präventiver und kurativer Interventionen ableiten zu können. Diese Daten sollen ebenso als indirekte HInweise auf Inzidenz, Prävalenz und Trends beim Gebrauch von Drogen eingesetzt werden.

Routinequellen wie die Meldungen erfasster Infektionskrankheiten haben oft eine breite Grundlage, sind of aber nur von mäßiger Qualität. Andere Quellen wie Studien liefern zwar sehr verlässlicher Daten, sind aber unter Umständen nicht auf die Gesamtheit der Drogenkonsumenten zu übertragen und liefern zudem keine Trends, wenn sie nicht regelmäßig durchgeführt werden.

In Deutschland werden Informationen über die Inzidenz und Prävalenz von Infektionskrankheiten bei Drogenkonsumenten aus den Daten der gemeldeten Fälle des Robert Koch Instituts, aus Untersuchungen der gerichtmedizinischen Untersuchungen bei Drogentoten und Daten aus Einrichtungen und Impfprogrammen gewonnen.

Prävalenzschätzung

Eine zentrale Kennziffer in der Diskussion über Ausmaß und Entwicklung des Drogenproblems ist die Schätzung der Prävalenz problematischen Drogengebrauchs zu einem gewissen Zeitpunkt bzw. während eines gewissen Zeitraums. In abgrenzung zu anderen Indikatoren werden bei diesem Indikator nur besonders problematische Konsummuster erfasst, was sich in der verwendeten Substanz, der Häufigkeit oder der Form des Konsums äußert.

Da sich Umfragen in der Allgemeinbevölkerung aufgrund methodischer Schwächen nicht eignen, die Prävalenz problematischen Drogengebrauchs zu erfassen, wurden eine Reihe indirekter Methoden zur Prävalenzschätzung entwickelt. Welche Methode herangezogen wird, hängt oft von dem Umfang und der Art des problematischen Drogenkonsums ab. Häufig werden Daten aus verschiedenen Feldern in einer Methode zusammengeführt. Damit sollen mögliche Fehlereinflüsse ausgeglichen udn die Vergleichbarkeit verbessert werden. Dieser Indikator kann damit als Meta-Indikator betrachtet werden, da er die Ergebnisse der übrigen Indikatoren zu integrieren versucht.

In Deutschland wird vorwiegend das Multiplikator-Verfahren eingesetzt, das Daten aus den Bereichen Behandlung, Polizei und Drogentodesfälle heranzieht. Daneben werden aber auch andere Ansätze zur Erfassung von problematischem Drogenkonsum herangezogen, wie z.B. Umfragen zum riskanten Drogenkonsum bei bestimmten Zielgruppen.

Bevölkerungsumfragen

Dieser Indikator erfasst das Ausmaß, sowie Muster des Konsums in der Allgemeinbevölkerung mittels Umfragen unter Erwachsenen und Schülern. Dabei werden unter anderem auch Erkenntnisse über Konsummuster und (Risiko-)verhalten sowie gesundheitliche Begleiterscheinungen und Folgen gewonnen.

Die Informationen können zur Beschreibung und Bewertung der Situation und zur Ableitung von Prioritäten und Strategien genutzt werden. Bei der Planung präventiver und therapeutischer Aktivitäten als auch der Evaluation von nationalen Drogenstrategien kann diese Grundlage ebenso berücksichtigt werden.

Zu den regelmäßigen nationalen und repräsentativen Umfragen und Prävalenzstudien in Deutschland gehören:

  • das bundesweite "Epidemiologische Suchtsurvey" (Bundesstudie zum Gebrauch und Missbrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland; Epidemiological Survey on Substance Abuse: ESA);
  • die Drogenaffinitätsstudie (DAS) der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung;
  • die Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD);
  • die von der WHO unterstützte Studie "Health Behavior in School-aged Children (HBSC)";
  • die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey: KiGGS).


Die EMCDDA arbeitet mit Experten in den Mitgliedsländern zusammen, Standards zur Erfassung des Drogenkonsums in der Allgemeinbevölkerung weiter zu entwickeln. Diese umfassen einerseits Basismodule von Fragen, die in die breiteren nationalen Fragebogen eingearbeitet werden sollen. Daneben stehen Standards zur Durchführung solcher Studien zur Verfügung, die sich z.B. auf die Stichprobenziehung, Datensammlung, Analyse und Berichterstattung beziehen.

Drogenbezogene Todesfälle

Kontaktperson EMCDDA:
Isabelle Giraudon (Isabelle.Giraudon[at]emccda.Europa.eu)

Nationaler Experte:
Dr. Axel Heinemann, Rechtsmedizinisches Institut, UKE Hamburg

Weitere Mitglieder der dt. Arbeitsgruppe:
Thomas Graf, Statistisches Bundesamt
Heiko Hergenhahn, Bundeskriminalamt
Dr. Liane Pail, Institut für Rechtsmedizin, LMU München
Fr. Pletzer, Statitistisches Landesamt Bayern
Wolfgang Reichart, Bayerisches Landeskriminalamt
Dr. Stefanie Weber, DIMDI

Kontakt zur deutschen Arbeitsgruppe:
Dr. Axel Heinemann, UKE Hamburg, (heinemann[a]uke.uni-hamburg.de) oder DBDD

EMCDDA Website zum Thema:
http://www.emcdda.europa.eu/themes/key-indicators/drd

Kontaktperson EMCDDA:
Linda Montanari (Linda.Montanari[a]emcdda.europa.eu)

Nationaler Experte:
Dr. Barbara Braun, IFT

Weitere Mitglieder der dt. Arbeitsgruppe:
Dr. Andreas Koch, buss, Kassel (Vorsitz)  
Dr. Ulrike Beckmann, Deutsche Rentenversicherung Bund, Berlin
Winfried Funk, Ministerium für Soziales und Gesundheit, Erfurt
Dietrich Hellge-Antoni, BWG, Fachabt. Drogen und Sucht, Hamburg
Dr. Hans Wolfgang Linster, Psychologisches Institut der Universität Freiburg, Freiburg
Peter Missel, Median Kliniken, Daun
Johannes Peter Petersen, Diakonie Schleswig-Holstein, Rendsburg
Richard Sickinger, Jugendberatung und Jugendhilfe e.V., Frankfurt
Michael Strobl, GSDA GmbH, Höhenkirchen-Siegertsbrunn
Jürgen Vöckel, Landeswohlfahrtsverband Hessen, Kassel
Peter Raiser, DHS, Hamm

Kontakt zur dt. Arbeitsgruppe: DBDD

EMCDDA Website zum Thema:
http://www.emcdda.europa.eu/themes/key-indicators/tdi

Weiterführende Informationen:
Überblick über den TDI Indikator
Manual zum deutschen Kerndatensatz

Kontaktperson EMCDDA:
Lucas Wiessing (Lucas.Wiessing[a]emcdda.europa.eu)

Nationale Expertin:
Dr. Ruth Zimmermann, RKI Berlin

Weitere Mitglieder der dt. Arbeitsgruppe:
Dr. Axel Heinemann, Uni Hamburg
Prof. Dr. Heino Stöver, FH Frankfurt

Kontakt zur dt. Arbeitsgruppe: DBDD

EMCDDA Website zum Thema:
www.emcdda.europa.eu/themes/key-indicators/drid

Kontaktperson EMCDDA:
Danica Klempova (Danica.Klempova[a]emcdda.europa.eu)

Nationaler Experte:
Dr. Ludwig Kraus, IFT

Weitere Mitglieder der dt. Arbeitsgruppe:
Jürgen Töppich, BZgA NN, BKA

Kontakt zur dt. Arbeitsgruppe: DBDD

EMCDDA Website zum Thema:
http://www.emcdda.europa.eu/themes/key-indicators/pdu

Kontaktperson EMCDDA:
Deborah Olszewski (Deborah.Olszewski[a]emcdda.europa.eu)

Nationaler Experte:
Dr. Daniela Piontek, IFT

Weitere Mitglieder der dt. Arbeitsgruppe
Jürgen Töppich, BZgA

Kontakt zur dt. Arbeitsgruppe: DBDD

EMCDDA Website zum Thema:
www.emcdda.europa.eu/themes/key-indicators/gps

Gefördert durch das Bundesministerium für Gesundheit